Zwischen Chiemsee und Modellfabrik
Ihren klangvollen Nachnamen verdankt Bettina Cherdron den Hugenotten. Sie spricht ihn mit bayrisch rollendem „R“ – und schenkt ihrem Gegenüber gerne ihr ansteckendes Lachen, wenn sie von ihrem beruflichen Weg erzählt: von Stationen in der Schweiz bei einem Automobilzulieferer und bei einem Mittelständler für Kohlefaserbauteile.
Seit drei Jahren arbeitet die Textiltechnikerin im Recycling Atelier des Instituts für Textiltechnik Augsburg (ITA), der ersten Modellfabrik für mechanisches Textilrecycling. Damit ist sie wieder näher an ihren textilen Wurzeln – und in der Nähe des heimatlichen Chiemgaus.
Die Vision des Recycling Ateliers überzeugt sie: Das Institut für Textiltechnik Augsburg, das zur Technischen Hochschule Augsburg gehört, verfolgt das Ziel eines geschlossenen textilen Kreislaufs – durch hochwertiges mechanisches Recycling, kombiniert mit Künstlicher Intelligenz.
Eco Yarn: Ein Meilenstein
Im vergangenen Jahr feierte das Team einen besonderen Erfolg: „Eco Yarn“. Das Baumwollgarn besteht aus 30 Prozent wiederaufbereiteten und 70 Prozent neuen Fasern – und überzeugte sowohl Wissenschaft als auch die Industriepartner Gebr. Otto, Schwob und Weseta.
„Im ersten Schritt mussten bestehende Textilien wieder in ihre Bestandteile zerlegt werden“, erklärt Bettina Cherdron. Ausgediente Tischdecken und Bettbezüge – anfangs auch Handtücher – liefen durch eine Reißmaschine. Es handelte sich um gebrauchte Mietwäsche, die der Projektpartner Schwob AG aus der Schweiz anlieferte. Neben der Textilpflege betreibt Schwob auch eine eigene Weberei in Burgdorf.
Ein Schatz im vermeintlichen Abfall
„Der Kontakt zu Schwob brachte mich auf eine Idee“, so die Textiltechnikerin. „In einer Weberei entstehen Webleisten, eigentlich ein klassischer Prozessabgang.“ In diesem Abfallprodukt entdeckte Bettina einen Schatz.
Gemeinsam mit ihrem Vater betreibt sie in ihrer Freizeit eine kleine Weberei. Die Webstühle stammen noch von ihren Großeltern, die die Weberei Pach in Bad Endorf im Chiemgau gegründet haben. Dort half Bettina schon als Kind mit und verdiente sich als Jugendliche ihren Führerschein.
Als vor einigen Jahren ihre Tochter – die vierte Generation – geboren wurde, gewann die Familientradition nochmals an Bedeutung. „Ich liebe das Handwerk“, sagt Bettina. „Es ist ein wunderbarer Kontrapunkt zu unserer schnelllebigen, digitalen Welt.“
Begegnung mit einer Designerin
Während ihrer Elternzeit lernte sie die Designerin Hedwig Bouley kennen, Gründerin des Labels LPJ Studios. Dessen Konzept: ästhetisches Design kombiniert mit einer nachhaltigen Philosophie. Textile Reststoffe werden zu exklusiven Heimtextilien weiterverarbeitet.
„Hedi suchte damals einen Handweber“, erinnert sich Bettina. „Sie hatte unglaublich viele Ideen und Stoffe, aus denen Teppiche entstehen sollten. Für meinen Vater war das allerdings zu fancy“, sagt sie lachend. „Mich hat ihr Ansatz sofort begeistert; also habe ich übernommen.“
So entstand der „Chiemgau-Rug“, den Bettina exklusiv für LPJ Studios fertigt.
Vom Rest zur Ressource
Eine Herausforderung blieb jedoch lange die Rohstoffbeschaffung. „Die Webleisten kamen von einer Weberei für Trachtenstoffe – aber es waren immer zu wenige.“
Als im Eco-Yarn-Projekt plötzlich Webkanten übrigblieben, erkannte Bettina das Potenzial. Sie griff zum Telefon und rief Cornelia Magno bei der Schwob AG an, die sich dort unter anderem um das Thema Kreislaufwirtschaft kümmert.
„Cornelia hat sofort verstanden, worum es mir ging“, erzählt Bettina. „Die Idee der Weiterverwertung gehört bei Schwob zum unternehmerischen Selbstverständnis.“
Damit war die Lösung gefunden. Seither bestehen die weißen und beigefarbenen Chiemgau-Rugs aus den Webkanten made in Burgdorf in der Schweiz. Drei bis vier Kilogramm dieses Leistenmaterials stecken – je nach Größe – in einem Teppich.
Vision trifft Handwerk
„Ich bin wirklich glücklich, dass wir dank Hedwig und Conny so besondere Produkte herstellen können“, sagt Bettina. Inzwischen hat sie ihr eigenes Gewerbe angemeldet – der Chiemgau-Rug ist zu einem zweiten Standbein geworden. „Ich liebe es, einen fertigen Teppich auszuliefern und zu sehen, wo meine Handarbeit ein neues Zuhause findet.“
Schon als Kind war Freitag ihr Lieblingstag: damals markierte dieser Wochentag in der Weberei Pach den Ausliefertag.
„Textilien haben viel von ihrer Wertigkeit verloren“, sagt Bettina Cherdron. „Mit Produkten wie dem Chiemgau-Rug – und mit seiner besonderen Material- und Entstehungsgeschichte – setzen wir bewusst einen Kontrapunkt.“
Recycling hat viele Gesichter: Manche entstehen aus technischer Tüftelarbeit und industrieller Erfahrung – so wie „Eco Yarn“. In Zukunft werden viele Recycling-Modelle KI-gestützt sein. Und dann gibt es jene Ansätze, die Kreativität, Überzeugung und Handarbeit vereinen.