125 Jahre Gebr. Otto

Beständigkeit entsteht durch Beweglichkeit. Weiterentwicklung durch Erfahrung. Und Zukunft durch Verlässlichkeit. Wir feiern im Jahr 2026: Zukunft seit 1901. Weil Zeit verbindet, was jede Generation für sich vorantreibt.

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Eine textile Familie: die Ottos

Immanuel Friedrich Otto, geboren 1791 in Stuttgart ist der Stammvater der in der Textilindustrie engagierten Unternehmerfamilie Otto. In Nürtingen gründete er einen Garnhandel und befasste sich mit der Herstellung von Textilfarben. 1816 entstand daraus die erste Fabrik am Ort, eine Baumwollspinnerei. Seine Söhne erhielten und erweiterten die Gründung ihres Vaters. Heinrich Gotthold Otto, der zweite Sohn, eröffnete Zweigbetriebe in Reichenbach an der Fils und in Wendlingen. Die Neckarspinnerei ist heute ein historisches Wahrzeichen der Stadt.

Zwei Enkel des Immanuel Friedrich Otto, die Brüder Carl und Ernst Otto, sind die Gründer des Unternehmens Gebr. Otto in Dietenheim. In den Textilbetrieben ihres Vaters sowie der Otto-Verwandtschaft eigneten sie sich die erforderlichen betriebswirtschaftlichen, technischen und textilen Kenntnisse an.
Ihre eigenes Unternehmen starteten die beiden Nürtinger Brüder in Dietenheim, weil hier Grund und Boden günstiger waren als in ihrer Heimatstadt; als zwei von 16 Kindern ihres Vaters durften sie nicht mit finanzieller Unterstützung durch ihre Familie rechnen. Außerdem erwarteten sie, in der ländlichen Gemeinde leichter Arbeitskräfte zu finden.

Blick in die Unternehmensgeschichte

  • 1901
    Die Brüder Carl und Ernst Otto gründen eine Zwirnerei in Dietenheim am Geißen. Dafür erwerben sie eine Landwirtschaft, zu der ein Sägewerk sowie eine Mühle mit kleinem Elektrizitätswerk gehören. Vier Zwirnmaschinen sind Teil ihres Neuerwerbs.
  • 1904
    Ein Neubau für die Zwirnerei wird nötig. Die Brüder haben bereits zwei kleinere Werke zugekauft und für die bessere Stromgewinnung einen neuen Kanal angelegt; er besteht bis heute.
  • 1910
    Ernst Otto stirbt. Carl Otto übernimmt die alleinige Verantwortung für das junge Unternehmen. Seine Frau Emilie nimmt einen wichtigen Platz an seiner Seite ein.
  • 1914-1918
    Der erste Weltkrieg zieht über Europa (Symbolbild). Nach dem Krieg kämpft das Unternehmen mit großen Konjunkturschwankungen und dem Währungsverfall. Investiert und modernisiert wird trotzdem: Man geht weg vom Transmissionsantrieb auf Einzelantrieb der Maschinen.
  • 1927
    16 Zwirnmaschinen tun ihren Dienst in Dieteneim.
  • 1936
    Carl Alexander Otto (Mitte, zwischen Carl und Emilie Otto) wird Teilhaber. Die Fabrikanlagen werden auf den doppelten Umfang von 1904 vergrößert. Weitere Spinnmaschinen kommen hinzu und eine Klimaanlage wird installiert.
  • 1938-1945
    Viele Otto-Mitarbeiter dienen im Krieg (Symbolbild). Auch Carl Alexander Otto wird einberufen und kehrt 1945 aus amerikanischer Gefangenschaft zurück.
  • 1948
    Das Werk in Dietenheim wird durch eine Strang- und Spulenfärberei mit angegliederter Bleicherei und Mercerisation ergänzt.
  • 1951
    Otto feiert sein 50. Jubiläum mit einem Ausflug für alle Mitarbeitenden an den Bodensee und auf die Reichenau. Carl Alexander hat dort seinen Herzensort gefunden.
  • 1958
    Eine moderne Zwirnerei nimmt im Dietenheimer Nachbarort Balzheim ihre Arbeit auf. Dort hat Carl Alexander Otto 1954 eine Mahl- und Sägemühle gekauft. Auch in Balzheim wird mit Strom aus Wasserkraft gearbeitet.
  • 1962
    In Balzheim wird im neu errichteten Flachbau Baumwolle versponnen. Dank der eigenen Spinnerei hat das Unternehmen mehr Einfluss auf die gleichbleibende Qualität seiner Zwirne.
  • 1972
    Carl-Heinz Otto tritt ins Unternehmen ein. Ab Ende der 1970er Jahre wird das Gebäude der Färberei entkernt und modernisiert, der Maschinenpark wird komplett erneuert.
  • 1990
    Eine zweite Spinnerei in Balzheim nimmt ihren Betrieb auf. Dort wird nun in der modernen One-Line-Fertigung gearbeitet.
  • 1998
    Andreas Merkel tritt ins Unternehmen ein; gemeinsam mit seinem Onkel Carl-Heinz Otto teilt er sich ab 2003 die Geschäftsleitung.
  • 2001
    Gebr. Otto feiert sein 100-jähriges Jubiläum und beschäftigt rund 250 Mitarbeitende in Balzheim und Dietenheim.
  • 2008
    Das Garn recot2 kommt auf den Markt. Es besteht zu 25 Prozent aus recycelter Baumwolle (aus Prozessabgängen) und reduziert die Menge von Wasser, die zur Baumwollgarnherstellung nötig ist, beträchtlich.
  • 2018
    Die Spinnerei II in Balzheim wird zur technischen Spinnerei umgebaut. Hier werden Hochleistungsgarne gesponnen, beispielsweise aus Aramidfasern, die in Schutzkleidung, Ballistik und technischen Textilien zum Einsatz kommen.
  • 2023
    Mit einer Hanf-Baumwolle-Mischung spricht Gebr. Otto neue Kundensegmente an. Neben pflanzlichen und technischen Fasern verarbeitet die Dietenheimer Spinnerei seit einigen Jahren auch Regenerat-Markenfasern wie Lyocell ®.
  • 2024
    Die Zwirnerei im Medizin- und Hygienebereich nimmt ihren Betrieb auf.

(Schon immer) anders als alle anderen

Zwirnerei als eigenständiger Betrieb

„Anfang des 20. Jahrhunderts galt es als ein durchaus gewagtes Unternehmen, eine Zwirnerei als Sonderbetrieb einzurichten.“
Dieser Satz stammt aus der Broschüre zum 50-jährigen Jubiläum. Um 1900 war eine Zwirnerei entweder mit einer Spinnerei oder einer Weberei verbunden – oder beidem. Viele Beobachter bezweifelten daher den Erfolg dieses Wagnisses, das sich die Gebrüder Otto aber wohl überlegt hatten. Sie setzten auf die wachsende Textilindustrie und die vielen kleinen Fabriken, die Gewebe, Trikotagen und Ähnliches herstellten. Eine eigene Spinnerei und Zwirnerei wollten und konnten diese Betriebe sich nicht leisten, waren aber gleichzeitig auf Zwirne in verlässlicher Qualität angewiesen. Diese Lücke hatten Ernst und Carl Otto für sich identifiziert.

Eine Färberei braucht es

Seine geschäftlichen Reisen führten Carl Alexander Otto regelmäßig in die Schweiz. Seit Mitte der 30er Jahre sah er bei erfolgreichen Textilunternehmen eine integrierte Färberei. Betriebe in der Eidgenossenschaft fanden mehrfach seine Bewunderung; sie schienen ihm moderner Textilbetriebe in Süddeutschland.
Als er 1945 aus dem Krieg heimkehrte, widmete er sich dem Ziel, die Dietenheimer Zwirnerei durch eine Färberei zu ergänzen. Allein: Es gab direkt nach dem Krieg kein Zahlungsmittel, mit dem man die entsprechenden Maschinen hätte kaufen können. Bei einem befreundeten Unternehmer ließ Carl-Alexander Otto daher aus Dietenheimer Zwirn Unterwäsche fertigen, die er wiederum gegen die erste Färberei-Maschine eintauschte. Mit diesem Tauschgeschäft legte er den Grundstein für die Strang- und Spulenfärberei mit Bleicherei und Mercerisation, die Ende der 40er Jahre dem Unternehmen angegliedert wurde.

Kapok ist (doch) spinnbar

Nachhaltige Produkte sind eine Otto-Kernkompetenz. Leicht zu haben sind sie nicht: Kapok ist die leichteste Naturfaser der Welt; ihr Anbau braucht weniger Wasser als die Baumwolle, sie wird von mehrjährigen Bäumen geerntet und Kapok-Bäume speichern Kohlenstoff über Jahre. Kapok ist sechsmal leichter als Baumwolle – und ein Wunschkandidat für ein nachhaltiges Baumwollmischgarn. Allerdings galt Kapok lange als unverspinnbar – und auch bei Gebr. Otto brauchte es einige Versuche, bis es gelang, die Faser in ein Garn mit Namen „Piumafil“ zu bändigen – als erster Spinnerei weltweit. Das besteht zu 85 Prozent aus Bio-Baumwolle und zu 15 Prozent aus Kapokfasern.

(Immer) eine Frage der Energie

Der Zugang zu Energie beeinflusste das Unternehmen von Anfang an. Die Gründer Ernst und Carl Otto entschieden sich für ihren Standort am Gießen in Dietenheim, weil dort bereits ein kleines Elektrizitätswerk stand. Leistung: etwa 20 PS und die Basis für den Betrieb der Zwirnerei.
Bis heute wird in Dietenheim Strom aus Wasserkraft gewonnen: Wer in einem der Dietenheimer Besprechungsräume sitzt, gewöhnt sich schnell an das sonore Brummen.

Heute, im Jahr 2026, liefert außerdem die Sonne Energie für den Standort Dietenheim: Seit Ende 2025 ist das Solarkraftwerk auf den Werksgebäuden am Netz und produziert eine Maximalleistung von rund 500 kWp.
Weil das Wetter im September 2025 so schön war, besorgte, die 1.111. Module an einigen Tagen bereits den gesamten Dietenheimer Strombedarf – und sogar ein bisschen mehr.

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Auch in Balzheim besteht der hauseigene Strommix aus Wasserkraft und Solarenergie. Die Solarpaneele auf dem Dach der Spinnerei I haben die Ausmaße eines Fußballplatzes und produzieren eine maximale jährliche Leistung von 928.577 kWh.
Damit haben wir unser Ziel bis zum 125. Jubiläum erreicht: 30 Prozent unseres Stroms abgedeckt durch Solarenergie und Wasserkraft.

Vier Generationen Gebr. Otto:

1. Generation

v.l.n.r.:

  • Carl Gustav Otto, 1874-1951.
    Ursprünglich zuständig fürs Kaufmännische, baute er nach dem Tod seiner Bruders in den zwanziger Jahren die Zwirnerei aus - und nach modernen Gesichtspunkten um, so dass sie energieeffizienter arbeitete und eine gleichmäßige Qualität lieferte.
  • Emilie Otto, 1876-1950.
    Nach dem frühen Tod Ernst Ottos wurde die Ehefrau von Carl Gustav dessen engste Vertraute und tatkräftige, durchaus prägende Chefin des jungen Unternehmens. In der Firma war sie nie ohne Kittelschürze anzutreffen, bei Außenterminen pflegte sie einen "damenhaften Auftritt".
  • Ernst Otto, 1875-1910. Ernst Otto kümmerte sich um den technischen Aufbau des Werkes. Er dürfte den Grundstein für die Betriebsschlosserei gelegt haben, die bis heute besteht.
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2. Generation

  • Carl Alexander Otto, 1909-1993.
    Er legte nach dem zweiten Weltkrieg den Grundstein für die Färberei. Überzeugt vom Potenzial dieses Bereichs kaufte er die erste Färbereimaschine noch vor der Währungsreform, im Tausch gegen Unterhosen, die ihm ein befreundeter Wäscheproduzent aus Otto-Zwirn hergestellt hatte.
    Weil Carl Alexander Otto überzeugt war, dass zufriedene Mitarbeitende maßgeblich für den Erfolg des Unternehmen sind, etablierte er nicht nur Weihnachtsgeld und regelmäßige Ausflüge, sondern auch eine „moderne Bade- und Brauseanstalt“ für alle Werksangehörigen. Dort fand bis in die frühen siebziger Jahre, als eigene Badezimmer noch die Ausnahme waren, samstags der "Badetag" für die Mitarbeitenden statt.

3. Generation

  • Carl-Heinz Otto, 1946-2019.
    Carl Alexander Otto vermerkte zufrieden in seinen Memoiren, dass sein Sohn jeden Morgen ab 6 Uhr im Betrieb sei und damit als hinreichend fleißig gelten dürfe. Um diese Zeit begann auch der Betriebsrundgang, der Carl-Heinz Otto Zeit seines Berufslebens fast täglich durch die Werke in Dietenheim und Balzheim führte. Unter seiner Ägide erfuhr die Färberei eine grundlegende Modernisierung und die Spinnerei II in Balzheim entstand.
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4. Generation

  • Andreas Merkel, Jahrgang 1972.
    Als Jugendlicher war er drauf und dran, Golfprofi zu werden. Er folgte dann doch dem Rat seiner Mutter, studierte Textiltechnik in Reutlingen, kombinierte das mit einem kaufmännischen Abschluss und ist seit 1998 im Unternehmen, seit dem Tod seines Onkels Carl-Heinz Otto als alleiniger Geschäftsführer. Er setzt insbesondere auf innovative Lösungen und Nachhaltigkeit in Produktion und Produkten. Merkel engagiert sich außerdem für eine regionale, europäische Wertschöpfungskette für Textilien.