Eine textile Familie: die Ottos
Immanuel Friedrich Otto, geboren 1791 in Stuttgart ist der Stammvater der in der Textilindustrie engagierten Unternehmerfamilie Otto. In Nürtingen gründete er einen Garnhandel und befasste sich mit der Herstellung von Textilfarben. 1816 entstand daraus die erste Fabrik am Ort, eine Baumwollspinnerei. Seine Söhne erhielten und erweiterten die Gründung ihres Vaters. Heinrich Gotthold Otto, der zweite Sohn, eröffnete Zweigbetriebe in Reichenbach an der Fils und in Wendlingen. Die Neckarspinnerei ist heute ein historisches Wahrzeichen der Stadt.
Zwei Enkel des Immanuel Friedrich Otto, die Brüder Carl und Ernst Otto, sind die Gründer des Unternehmens Gebr. Otto in Dietenheim. In den Textilbetrieben ihres Vaters sowie der Otto-Verwandtschaft eigneten sie sich die erforderlichen betriebswirtschaftlichen, technischen und textilen Kenntnisse an.
Ihre eigenes Unternehmen starteten die beiden Nürtinger Brüder in Dietenheim, weil hier Grund und Boden günstiger waren als in ihrer Heimatstadt; als zwei von 16 Kindern ihres Vaters durften sie nicht mit finanzieller Unterstützung durch ihre Familie rechnen. Außerdem erwarteten sie, in der ländlichen Gemeinde leichter Arbeitskräfte zu finden.
Blick in die Unternehmensgeschichte
(Schon immer) anders als alle anderen
Zwirnerei als eigenständiger Betrieb
„Anfang des 20. Jahrhunderts galt es als ein durchaus gewagtes Unternehmen, eine Zwirnerei als Sonderbetrieb einzurichten.“
Dieser Satz stammt aus der Broschüre zum 50-jährigen Jubiläum. Um 1900 war eine Zwirnerei entweder mit einer Spinnerei oder einer Weberei verbunden – oder beidem. Viele Beobachter bezweifelten daher den Erfolg dieses Wagnisses, das sich die Gebrüder Otto aber wohl überlegt hatten. Sie setzten auf die wachsende Textilindustrie und die vielen kleinen Fabriken, die Gewebe, Trikotagen und Ähnliches herstellten. Eine eigene Spinnerei und Zwirnerei wollten und konnten diese Betriebe sich nicht leisten, waren aber gleichzeitig auf Zwirne in verlässlicher Qualität angewiesen. Diese Lücke hatten Ernst und Carl Otto für sich identifiziert.
Eine Färberei braucht es
Seine geschäftlichen Reisen führten Carl Alexander Otto regelmäßig in die Schweiz. Seit Mitte der 30er Jahre sah er bei erfolgreichen Textilunternehmen eine integrierte Färberei. Betriebe in der Eidgenossenschaft fanden mehrfach seine Bewunderung; sie schienen ihm moderner Textilbetriebe in Süddeutschland.
Als er 1945 aus dem Krieg heimkehrte, widmete er sich dem Ziel, die Dietenheimer Zwirnerei durch eine Färberei zu ergänzen. Allein: Es gab direkt nach dem Krieg kein Zahlungsmittel, mit dem man die entsprechenden Maschinen hätte kaufen können. Bei einem befreundeten Unternehmer ließ Carl-Alexander Otto daher aus Dietenheimer Zwirn Unterwäsche fertigen, die er wiederum gegen die erste Färberei-Maschine eintauschte. Mit diesem Tauschgeschäft legte er den Grundstein für die Strang- und Spulenfärberei mit Bleicherei und Mercerisation, die Ende der 40er Jahre dem Unternehmen angegliedert wurde.
Kapok ist (doch) spinnbar
Nachhaltige Produkte sind eine Otto-Kernkompetenz. Leicht zu haben sind sie nicht: Kapok ist die leichteste Naturfaser der Welt; ihr Anbau braucht weniger Wasser als die Baumwolle, sie wird von mehrjährigen Bäumen geerntet und Kapok-Bäume speichern Kohlenstoff über Jahre. Kapok ist sechsmal leichter als Baumwolle – und ein Wunschkandidat für ein nachhaltiges Baumwollmischgarn. Allerdings galt Kapok lange als unverspinnbar – und auch bei Gebr. Otto brauchte es einige Versuche, bis es gelang, die Faser in ein Garn mit Namen „Piumafil“ zu bändigen – als erster Spinnerei weltweit. Das besteht zu 85 Prozent aus Bio-Baumwolle und zu 15 Prozent aus Kapokfasern.
(Immer) eine Frage der Energie
Der Zugang zu Energie beeinflusste das Unternehmen von Anfang an. Die Gründer Ernst und Carl Otto entschieden sich für ihren Standort am Gießen in Dietenheim, weil dort bereits ein kleines Elektrizitätswerk stand. Leistung: etwa 20 PS und die Basis für den Betrieb der Zwirnerei.
Bis heute wird in Dietenheim Strom aus Wasserkraft gewonnen: Wer in einem der Dietenheimer Besprechungsräume sitzt, gewöhnt sich schnell an das sonore Brummen.
Heute, im Jahr 2026, liefert außerdem die Sonne Energie für den Standort Dietenheim: Seit Ende 2025 ist das Solarkraftwerk auf den Werksgebäuden am Netz und produziert eine Maximalleistung von rund 500 kWp.
Weil das Wetter im September 2025 so schön war, besorgte, die 1.111. Module an einigen Tagen bereits den gesamten Dietenheimer Strombedarf – und sogar ein bisschen mehr.
Auch in Balzheim besteht der hauseigene Strommix aus Wasserkraft und Solarenergie. Die Solarpaneele auf dem Dach der Spinnerei I haben die Ausmaße eines Fußballplatzes und produzieren eine maximale jährliche Leistung von 928.577 kWh.
Damit haben wir unser Ziel bis zum 125. Jubiläum erreicht: 30 Prozent unseres Stroms abgedeckt durch Solarenergie und Wasserkraft.
Vier Generationen Gebr. Otto:
1. Generation
v.l.n.r.:
2. Generation
3. Generation
4. Generation