"Der Otto spinnt jetzt komplett!" - Helga Merkel erinnert sich an mutige Entscheidungen in bewegten Zeiten

28.08.2026

„Der Otto spinnt jetzt komplett!“ - Helga Merkel erinnert sich an mutige Entscheidungen in bewegten Zeiten
Helga Merkel, geborene Otto, hat prägende Jahrzehnte der Unternehmensgeschichte von Gebr. Otto unmittelbar miterlebt. Als Tochter des Unternehmers Carl Alexander Otto, Schwester des späteren Geschäftsführers Carl-Heinz Otto und Mutter des heutigen Geschäftsführers Andreas Merkel kennt sie das Familienunternehmen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Im Gespräch erinnert sie sich an resolute Persönlichkeiten, mutige Investitionen, schwierige Zeiten in der Textilindustrie – und an einen Betrieb, in dem Stillstand nie eine Option war.

Frau Merkel, in der Firmenchronik zum 50. Geburtstag habe ich einiges über Emilie Otto gelesen. Ein Satz blieb mir besonders in Erinnerung: Sie sei ihrem Mann Carl Otto „in vorbildlicher Lebenskameradschaft verbunden gewesen“. Erinnern Sie sich an Ihre Großmutter?
Ja, ich erinnere mich noch gut an sie. Sie war weniger der Typ „liebe Oma“, sondern vielmehr eine sehr zupackende und resolute Frau. Damit ergänzte sie meinen Großvater gut, dem das weniger lag.
Im Unternehmen war sie stets in ihrer Kittelschürze unterwegs, außerhalb pflegte sie dagegen einen sehr damenhaften und selbstbewussten Auftritt.
Zu Weihnachten wurde gemeinsam für die Belegschaft gebacken: Meine Großmutter, meine Mutter und ich standen zusammen mit den Zugehfrauen in der Küche der Villa Otto, haben Weihnachtsgebäck gebacken und Päckchen für die Mitarbeitenden gepackt.
Aus heutiger Sicht war sie für mich der Inbegriff einer modernen Frau. Sie war die Matriarchin der Familie: Wenn sie etwas sagte, dann musste man folgen. Sie war eine echte Respektsperson.
Schwäche hat sie sich nie zugestanden – nicht einmal im Tod. Während sie mit ihrem Enkel, meinem Bruder, spielte, brach sie plötzlich zusammen. Die Haushälterin und ich haben sie gefunden.

Erinnern Sie sich an andere Ereignisse, betreffend Ihren Vater?
Mein Vater hatte schon vor dem Zweiten Weltkrieg über eine eigene Färberei nachgedacht. Die Zwirnerei allein empfand er als zu einseitig, deshalb wollte er den Betrieb erweitern. Seine Mutter, Emilie Otto, war jedoch gegen eine so große Investition – das Land steuerte damals bereits auf den Krieg zu.
Nach dem Krieg, als mein Vater nach Hause kam, griff er sein Vorhaben wieder auf – noch vor der Währungsreform. Er brauchte Maschinen und Färbeapparate. Also wurde alles vorrätige Garn gehortet. Damit fuhr er nach Balingen, um aus dem Zwirn Wäsche herstellen zu lassen. Sein Garn ließ er sich mit Fertigwaren, also Unterwäsche, bezahlen. Damit reiste er wiederum zum Maschinenhersteller, um jenem die Fertigware anzubieten, als Zahlungsmittel für den Färbeapparat. Der Maschinenhersteller ließ sich darauf ein.
Das war der Anfang der Färberei. Mein Vater hat diese Geschichte immer wieder erzählt, weil sie ihm so viel bedeutete. Alle Beteiligten haben sich damals gegenseitig geholfen – mit großem Einsatz und viel Pragmatismus.

Wann kamen Sie selbst ins Unternehmen?
Das war 1960 – obwohl ich eigentlich lieber Abitur gemacht und etwas ganz anderes gemacht hätte. Dann hieß es jedoch, ich solle ins Unternehmen kommen. Im Nachhinein hat mir die Arbeit dort aber großen Spaß gemacht. Ich habe sehr gerne mit meinem Vater zusammengearbeitet, wir hatten ein tolles Verhältnis, und ich habe von ihm mehr gelernt als auf jeder Universität.

Zu welcher Zeit war das?
Das war die Phase, in der die erste Spinnerei eröffnet wurde. Zunächst machte ich ein Praktikum in einer Spinnerei in Esslingen, einem sehr alten Unternehmen aus dem 19. Jahrhundert. Die Spinnerei befand sich damals bereits in der Auflösung, und ich habe sogar beim Verkauf der Maschinen mitgewirkt.
Der dortige Spinnereileiter sowie der Meister und seine Frau kamen später nach Balzheim, um unsere Spinnerei mit aufzubauen. Obwohl ich in diesem Bereich keine klassische Ausbildung hatte, übernahmen Frau Schüssel, die Ehefrau des Meisters, und ich das Einlernen der Mitarbeitenden an den neuen Spinnmaschinen. Gemeinsam haben wir den Kolleginnen und Kollegen bei Otto das Spinnen beigebracht. Diese Herausforderung hat mir große Freude gemacht!

Die Gründung war der Spinnerei war ein wichtiger Meilenstein.
Ja, absolut. Wobei ich mich erinnere, dass es damals durchaus kritische Stimmen in der Branche gab. Wir waren eine reine Baumwollspinnerei, und mein Vater erzählte oft von Leuten, die ihn mit Bemerkungen wie „Der Otto spinnt jetzt komplett“ aufgezogen haben.
Mitte der sechziger Jahre mussten wir dann tatsächlich einen herben Dämpfer hinnehmen. Hemden aus Kunstfaser waren plötzlich sehr populär. Man schwitzte zwar furchtbar darin, und sie bekamen oft einen bläulichen Farbton, aber die Hausfrauen mochten sie, weil man sie nicht bügeln musste. Viele Webereien, die zuvor mit Baumwolle gearbeitet hatten, wollten nun Kunstfasergarne. Das Baumwollgeschäft brach regelrecht ein. In unserer Spinnerei war es auf einmal viel leiser als sonst.
Eines Tages kam mein Vater nach Hause und sagte, dass wir Kurzarbeit anmelden müssten. Zum Glück dauerte diese Phase nur wenige Wochen. Es gelang ihm, neue Aufträge zu gewinnen und das Sortiment etwas breiter aufzustellen. Trotzdem ist mir diese Zeit als Einschnitt in Erinnerung geblieben. Das war 1965 oder 1966.

In den sechziger Jahren waren Arbeitskräfte in Deutschland ein knappes Gut. Wie haben Sie Mitarbeitende gefunden?
Ja, das war tatsächlich nicht einfach. Gemeinsam mit unserem Spinnereileiter, war ich mehrfach unterwegs, um Arbeitskräfte für die Spinnerei anzuwerben.
Einmal versuchten wir es im Umfeld einer Uhrenfabrik. Nach Schichtende sprachen wir die Leute direkt an und hatten uns dafür in einem Gasthaus eingerichtet, wo die Gespräche stattfanden. Einige Mitarbeitende konnten wir dort tatsächlich gewinnen – allerdings nicht dauerhaft.
Die weiteste Reise führte Herrn Strom und mich schließlich bis nach Jugoslawien. Über bestehende Kontakte versuchten wir dort, Arbeitskräfte für die Spinnerei zu finden, leider ohne Erfolg.

Sie haben sich in der Spinnerei offenbar sehr wohl gefühlt. Warum sind Sie ausgeschieden?
Wir hatten Verwandte in Reutlingen, die immer wieder von den Chancen in der Strickerei berichteten. „Jersey läuft“, war ihre feste Überzeugung. Mein Vater spielte zunächst mit dem Gedanken, ins Texturieren einzusteigen, entschied sich dann aber für die Gründung einer kleinen Strickerei, weil die Investition überschaubarer war.
Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir gemeinsam am Tisch saßen, als die Entscheidung für die Strickerei gefallen war. Mein Vater schaute in die Runde und fragte: „Wer macht’s?“ Dann blickte er mich an: „Machst du es?“ Ohne lange nachzudenken, habe ich „Ja“ gesagt.
Maschentex war damals ein eigenständiges Unternehmen – im Grunde ein Start-up –, um das sich mein Mann und ich gemeinsam gekümmert haben. Wir waren organisatorisch nicht an Gebr. Otto angegliedert.

Erinnern Sie sich an weitere Meilensteine bei Gebr. Otto, auch nach Ihrem Ausscheiden?
Ein weiterer wichtiger Meilenstein war sicherlich der Bau der Spinnerei II, den mein Bruder verantwortet hat. Unser Vater hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgezogen. Auch er musste diese Entscheidung in einem schwierigen Umfeld treffen, denn die Abwanderung der Textilindustrie war Anfang der neunziger Jahre bereits in vollem Gange.
Bei Gebr. Otto habe ich immer viel Bewegung wahrgenommen – eine kontinuierliche Modernisierung, niemals Stillstand. In den siebziger Jahren wurde die Färberei umfassend kernsaniert. Aber auch darüber hinaus wurden bestehende Maschinen laufend ersetzt sowie Prozesse und Produkte weiterentwickelt.