Wenn Reiner Ranz sagt, er sei „mit der Firma Otto verheiratet“, dann ist das keine Floskel, sondern eine ziemlich treffende Beschreibung seines Lebensweges. Mit 14 Jahren, im September 1968, beginnt er im Unternehmen seine Ausbildung als Elektriker. „Im Oktober wurde ich 15“, erinnert er sich.
Von da an bleibt er: lernt, wächst hinein in seine Aufgaben und übernimmt früh Verantwortung, anfangs in Dietenheim, später auch in Balzheim. Er ist noch keine 20 Jahre alt und muss eine Rolle ausfüllen, die eigentlich viel Erfahrung voraussetzt. Dass ihn diese Zeit so manche schlaflose Nacht gekostet hat, verschweigt er nicht.
Carl Alexander Otto im Anmarsch
Ein Erlebnis aus dieser frühen Phase ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Eines Tages steht Carl Alexander Otto vor der Haustür seiner Eltern. „Meine Mutter hat erst aufgemacht – und gleich wieder zu“, erzählt Ranz und lacht. „Wir haben ihn dann doch reingelassen; wir waren ganz besorgt, was ich ausgefressen haben könnte.“
Kurz darauf sitzt man gemeinsam in der guten Stube. Der Firmenchef spricht dem jungen Reiner Ranz seine Anerkennung aus und legt 1.000 Mark auf den Tisch, als Dank für seinen Einsatz und die Verantwortung, die er übernommen hat. Für den jungen Ranz ist das weit mehr als ein Geldbetrag: Es ist ein Zeichen von Vertrauen, das ihn nachhaltig prägt. Reiner Ranz bildet sich früh zum Elektromeister fort und übernimmt die Leitung der Werkstätten. Seine Verantwortung wächst weiter, als er die Stelle des Betriebsleiters in Dietenheim antritt.
„Eigentlich wollte ich gar nicht in die Spinnerei“
Auch Günther Schuster beginnt früh im Unternehmen. 1973 startet er, 16-jährig, seine Ausbildung als Schlosser. Mit Gebr. Otto in Kontakt kommt er allerdings viel früher: Als kleiner Junge begleitet er seinen Großvater und weitere Familienmitglieder oft zur Arbeit bei Gebr. Otto.
Nach seiner Ausbildung soll er in der Spinnerei eingesetzt werden. Eigentlich, sagt er rückblickend, wollte er da gar nicht hin. Dennoch bleibt er, entwickelt sich weiter, besucht die Meisterschule und übernimmt schließlich Verantwortung als technischer Leiter. Besonders reizvoll ist für ihn die Verbindung aus Mechanik, Textil und IT – eine Kombination, die damals alles andere als selbstverständlich ist. An sechs Bildschirmen in seinem Büro in der Spinnerei kann er sämtliche Prozesse kontrollieren. „Am Ende hätte ich die Spinnerei gefühlt von meinem Sofa zuhause aus steuern können“, sagt er und muss lachen. „Aber nur gefühlt!“.
Zwischen Gastwirtschaft und Versand
Max Nestle kommt 1977 ins Unternehmen – eher zufällig, wie er selbst sagt. Eigentlich möchte er Kaufmann werden, doch sein Onkel rät ihm: „Sei nicht ungeschickt – geh zum Otto.“ Nestle folgt diesem Rat und beginnt eine Ausbildung in der Färberei. Es ist der Anfang eines Berufslebens, das fast fünf Jahrzehnte umfassen wird.
Sein Weg verläuft dabei alles andere als geradlinig. Nach Ausbildung und Wehrdienst übernimmt er gemeinsam mit seiner Frau die Gastwirtschaft seiner Eltern – und arbeitet gleichzeitig weiterhin Vollzeit bei Otto. Fünf Jahre lang führen beide dieses doppelte Leben.
„Es gab keinen freien Tag“, erinnert sich Nestle. Versuche, einen Ruhetag einzuführen, scheitern regelmäßig am sozialen Leben im Ort: mal kommt der Gesangverein, mal der Schützenverein, mal stehen Hochzeiten an. Trotz der Belastung blickt er gerne auf diese Zeit zurück. Irgendwann fällt jedoch die Entscheidung, die Gastwirtschaft aufzugeben, um Raum für Familie zu schaffen. „Als wir das hinter uns hatten, haben wir uns richtig auf die freie Zeit mit nur einem Beruf gefreut.“
Im Unternehmen wechselt Nestle in die Packerei und später in den Versand, wo er schließlich die Leitung übernimmt. Dabei erlebt er hautnah, wie sich die Arbeit im Laufe der Jahrzehnte verändert: „Am Anfang haben wir Kartons noch lose verschickt, heute läuft alles auf Paletten“, beschreibt er den Wandel. Besonders eindrücklich ist für ihn die Erinnerung an eine Kollegin, die täglich tausende Etiketten von Hand schrieb – für jede einzelne Spule. Erst Ende der 80er Jahre wird dafür ein Drucker eingeführt.
Kein Stein bleibt auf dem anderen
Während sich die Arbeitsprozesse verändern, bleibt eines konstant: der permanente Wandel. Umbauten, Modernisierungen und neue Maschinen gehören zur Tagesordnung – Stillstand gibt es nicht. „Ich erinnere mich, wie der Bagger in dem komplett entkernten Gebäude stand, das mal die Färberei war – und wieder werden sollte.“
„Die Textilindustrie ist immer schon durch Kampf geprägt“, sagt Ranz, „von Krisen und Umbrüchen, von der Ölkrise bis zum globalen Wettbewerb“. Immer wieder muss das Unternehmen reagieren, Strukturen anpassen, Entscheidungen treffen, die nicht leichtfallen. Einschneidend ist die Zeit um die Jahrtausendwende: die alte Spinnerei, die Spinnerei I, muss geschlossen werden – zu alte, zu wenig effiziente Maschinen und ein nicht mehr zeitgemäßes Portfolio. Auch einige Entlassungen werden notwendig.
Wegweisende Entscheidungen
Gleichzeitig entstehen in diesen Phasen die entscheidenden Grundlagen für die Zukunft. Eine der wichtigsten Weichenstellungen ist der Bau der Spinnerei II, die Anfang der 1990er Jahre eingeweiht wurde. Für Günther Schuster ist das rückblickend „die beste Entscheidung überhaupt – obwohl wir damals großen Respekt hatten, weil andere Textilunternehmen schließen mussten.“ Er beschreibt, wie erstmals das Gebäude konsequent um die Maschinen herum geplant wurde; ein völlig neuer Ansatz, der Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit deutlich verbessert.
Reiner Ranz ist überzeugt, dass diese Investition für das Überleben des Unternehmens entscheidend war. „Wir können unseren Kunden mit der modernen Spinnerei etwas liefern, wozu wir als reiner Händler nicht in der Lage wären: Entwicklung, Service, Know-how, Erfahrung.“
Gleichzeitig bleibt die Färberei ein wichtiges wirtschaftliches Rückgrat. Reiner Ranz treibt die Modernisierung der Färberei voran und bringt sich insbesondere für die Digitalisierung der Verwaltung ein. Der Satz „Mit der Färberei verdient man das Geld“ ist über Jahre hinweg das Leitmotiv. „Oh, wie oft ich das hören musste“, lacht der langjährige technische Spinnereileiter Günther Schuster.
Immer in Bewegung
Neben großen strategischen Entscheidungen sind es auch die vielen Versuche und Entwicklungen, die das Unternehmen prägen. Immer wieder werden neue Ideen getestet: Tampons aus Kapok, Wattepads, Carbon- und Aramidfasern.
Nicht alles setzt sich am Markt durch, auch wenn die Produkte technisch überzeugen. Günther Schuster erinnert sich schmunzelnd an eine Autofahrt Richtung Schweiz mit einem Kofferraum voller Tampons, die bei einer Grenzkontrolle, damals eigentlich für Peer Steinbrücks Steuersünder aufgebaut, für Erklärungsbedarf sorgt. „Zufällig war ein Fernseh-Team vor Ort, das aus drei Männern mit unserem Kofferraum voller ‚Muster ohne Wert‘ einen Fernsehbeitrag machte.“
Trotz solcher Episoden steht für alle fest: Die vielen Versuche waren wichtig. „Wir haben enorm viel gelernt, das uns an anderer Stelle einen wichtigen Wettbewerbsvorteil verschafft hat“, sagt Schuster, beispielsweise beim Verspinnen von technischen Fasern, heute einem wichtigen Standbein des Unternehmens.
Ein Unternehmen, drei Bereiche
Auch die Selbstwahrnehmung des Unternehmens hat sich im Laufe der Zeit verändert. Früher waren die einzelnen Bereiche stärker voneinander getrennt, und zwischen den Standorten gab es spürbare Rivalitäten. „Ranz, was willst du hier, du gehörst doch nach Dietenheim“, sei keine ganz außergewöhnliche Begrüßung im Werk in Balzheim gewesen, erinnert sich Reiner Ranz.
Er hebt besonders hervor, wie sich aus verschiedenen Bereichen ein starkes, gemeinsames Unternehmen entwickelt hat, getragen von einem Führungsteam, das eng zusammenarbeitet und gegenseitigen Respekt lebt.
Otto sind seine Menschen
Was die drei Männer Günther Schuster, Reiner Ranz und Max Nestle verbindet, sind, ganz offensichtlich, viele Jahrzehnte beim selben Arbeitgeber. Darüber hinaus ist es ein gemeinsames Verständnis von Arbeit und eigenem Leben, geprägt von Verantwortung, großer Einsatzbereitschaft und Zusammenhalt – für ein gemeinsames Ziel mit Namen „Otto“.