Gebr. Otto unterstützt Positionspapier Vergaberecht der Südwesttextil: Reine Preisbetrachtung liefert falsche Impulse

30.03.2026

Gebr. Otto hat an einem Ende Februar veröffentlichten Positionspapier der Südwesttextil zum Vergaberecht aktiv mitgearbeitet. In diesem Papier wirbt der Wirtschafts- und Arbeitgeberverband der baden-württembergischen Textil- und Bekleidungsindustrie für ein Verfahren, das in öffentlichen Ausschreibungen nicht maßgeblich preisgetrieben entscheidet. Ein faires Verfahren sollte Wettbewerb zulassen, aber Chancen für europäische Hersteller schaffen, Versorgungssicherheit erhöhen und industrielle Wertschöpfung sowie Arbeitsplätze in Europa erhalten.

Umfassende Preisbetrachtung nötig
Andreas Merkel, Geschäftsführer von Gebr. Otto und Mitglied des Präsidiums von Südwesttextil e.V., engagiert sich seit Jahren in verschiedenen Initiativen für eine stärkere regionale Wertschöpfung in der Textilindustrie. Dabei geht es ihm nicht um industriepolitische Nostalgie, sondern um wirtschaftliche Vernunft. „Bei Preisvergleichen blenden wir häufig aus, wie groß der Anteil staatlicher Abgaben an einem in Deutschland hergestellten Produkt ist“, erklärt Merkel. Insbesondere Lohnsteuer und Sozialabgaben spielten dabei eine zentrale Rolle.

Die Folge: Viele Fertigungsschritte der textilen Wertschöpfungskette – vom Spinnen und Zwirnen über die Garnherstellung bis hin zum Stricken und zur Veredelung – werden in Deutschland wirtschaftlich immer schwerer darstellbar. „Je mehr Produktionsstufen hierzulande stattfinden, desto höher ist die Abgabenlast. Das führt zu einem strukturellen Standortnachteil“, so Merkel.

Der Import günstiger Produkte erscheine deshalb häufig attraktiver. „Wenn der Staat selbst als Auftraggeber auftritt, sollte er jedoch den volkswirtschaftlichen Gesamteffekt im Blick behalten“, betont Merkel. Öffentliche Mittel erzielten den größten Rückfluss dort, wo Produktion, Beschäftigung und Wertschöpfung im eigenen Land stattfinden – und damit auch Steuern und Sozialbeiträge entstehen.

Qualität muss beurteilt werden (können)
Aus Sicht von Merkel greift eine Vergabe, die sich primär am Preis orientiert, daher aus mehreren Gründen zu kurz. Zum einen, weil der Preis allein die tatsächlichen wirtschaftlichen Effekte eben nicht vollständig abbildet. Außerdem lasse eine solche Betrachtung zentrale Kriterien wie Qualität, Fachkompetenz oder Langlebigkeit außen vor. „Wenn wir Einsatzbekleidung für Polizei, Feuerwehr oder Militär beschaffen, darf der Preis nicht das einzige Entscheidungskriterium sein“, betont der Otto-Geschäftsführer. „Entscheidend ist, dass Materialien, Verarbeitung und Funktion langfristig zuverlässig sind.“

Merkel plädiert deshalb dafür, die Bewertungskriterien bei öffentlichen Ausschreibungen breiter anzulegen. Gleichzeitig brauche es in den zuständigen Behörden ausreichend fachkundiges Personal – sowohl für die Formulierung der Ausschreibungen als auch für die Prüfung der eingehenden Angebote. „Nur wer die technischen Anforderungen versteht, kann Angebote wirklich vergleichen“, so Merkel.

Häufig fehlten in Ausschreibungen zudem präzise Vorgaben zur Qualität und Haltbarkeit der Produkte. Dabei sei gerade bei Schutz- und Berufsbekleidung entscheidend, dass Materialien und Verarbeitung langfristig zuverlässig funktionieren – etwa wenn Warnfarben auch nach vielen Waschgängen ihre Signalwirkung behalten müssen.

Realistische Ausschreibungen und sichere Lieferketten
Kleine Auftragsvolumina bei großen Dokumentationspflichten möchte Andreas Merkel ebenso vermeiden wie eine „Siegel-Schlacht“, die eine Anforderung möglicherweise nur scheinbar dokumentieren. Des Weiteren sind dem Otto-Geschäftsführer realistische Ausschreibungs- und Entwicklungszyklen wichtig.

Im Blick hat er außerdem das Thema Versorgungssicherheit: „Gerade macht uns der Krieg im Iran wieder deutlich, wie abhängig wir von funktionierenden Transportwegen sind. Es sollte deshalb unser Ziel sein, öffentliche Aufträge so zu vergeben, dass die textile Wertschöpfung in Deutschland und Europa nicht abgestraft wird, sondern dass wir ihre Leistungsfähigkeit erhalten und nutzen.“

„Mit dem Positionspapier hat Südwesttextil ein wichtiges Signal gesetzt“, sagt Merkel abschließend. „Es bringt die Herausforderungen der Branche klar auf den Punkt und zeigt zugleich konkrete Wege auf, wie öffentliche Beschaffung fairer und zukunftsfähiger gestaltet werden kann.“