49 Jahre lang arbeiteten Kurt Walcher und Ulrich Müller bei Gebr. Otto. Beide begannen ihre Ausbildung am 2. September 1970 – Walcher um 7.30 Uhr als Elektriker, Müller als Schlosser eine halbe Stunde eher – und erlebten in fast fünf Jahrzehnten unzählige Umbauten, Modernisierungen und Veränderungen im Unternehmen mit. Im Gespräch erinnern sie sich an harte körperliche Arbeit, große Kameradschaft und viel Pragmatismus, so dass es im Zweifel einfach hieß: „Die Ledigen raus aufs Gerüst!“
Herr Walcher, Herr Müller, fast 50 Jahre Otto: Was waren Ihre Aufgaben?
Müller: Als Schlosser hatte ich mein Hauptaufgabengebiet in der Färberei. Zweimal hat man in meiner Laufbahn die Färberei komplett umgebaut und modernisiert – im laufenden Betrieb. Bei der Modernisierung Ende der siebziger Jahre stand der Bagger mitten im Gebäude.
Auf dem Gebäude waren Shed-Dächer. Die konnte man im Sommer öffnen, aber fürchterlich heiß war es trotzdem. Oben war eine Zwischendecke, die man im Zuge der Renovierung entfernt hat. Außerdem wurde eine Belüftung eingebaut. Der ganze Umbau dauerte einige Jahre.
Walcher: Ich war 70 Prozent meiner Zeit in der Färberei. Als Elektriker waren wir im ganzen Betrieb unterwegs, aber die Färberei nahm den Großteil meiner Arbeitszeit in Anspruch. Das zeigte auch mein Stundenbüchlein, das wir damals führen mussten.
Müller (lacht): Wir haben das nicht nur Stundenbüchlein, sondern Lügenbüchlein genannt.
Haben Sie weitere Erinnerungen an die frühen Jahre bei Otto?
Müller: Als wir angefangen haben, gab es noch den Waschtag, immer freitags. Erinnerst du dich daran, Kurt?
Walcher: Ja, das war der Badetag! In einem Gebäude direkt neben dem Kesselhaus standen vier oder fünf Badewannen, große Eisentröge, die mit Holzwänden in Kabinen unterteilt waren. Das war eine richtige Badeanstalt. Dank einer direkten Verbindung zum Kesselhaus gab es immer warmes Wasser. So kamen die Familien, meist aus den Werkswohnungen, nacheinander her und haben gebadet.
Wie lange existierte dieses Badehaus?
Walcher: Das ging höchstens bis Mitte der 70er Jahre. Es war kein Schmuckstück, sondern sehr zweckmäßig.
Was hat Ihre Zeit bei Gebr. Otto geprägt? Gab es Themen, die die Gesellschaft bewegt haben – und auch das Unternehmen?
Walcher: Ganz früher haben wir noch mit Schweröl geheizt. Die Nachbarn hatten deshalb manchmal schwarze Pünktchen auf ihrer Wäsche. Kurzum: Die Abgaswerte waren ein Thema, sodass wir schnell umgestellt haben.
Müller: Damals war der Kamin noch gemauert. Vom Kessel zum Kamin führte ein Kanal, der „Fuchs“ genannt wurde. Den mussten wir reinigen. Innen im Kamin waren Steigbügel angebracht, damit man hochklettern konnte. Die waren teilweise lose.
Einmal lautete unsere Aufgabe, den Gitterrost oben am begehbaren Kranz des Kamins auszutauschen. Dazu standen ein Kollege und ich rechts und links auf dem Rand des Kamins und ließen die verrosteten Gitterroste mit dem Seil herunter.
Ich hoffe, da gab es eine Sicherung?!
Ulrich Müller lacht – und schüttelt den Kopf. Zu Kurt Walcher gewandt: Erinnerst du dich, als wir hinten die neue Halle gebaut haben? An der Außenwand musste etwas angebracht werden. Da stand so ein wackeliges Gerüst. Dann hieß es einfach: „Die Ledigen raus!“. Damit war das Thema erledigt.
Offenbar wurde konstant modernisiert und renoviert?
Walcher: Ja, auf jeden Fall. Von 2013 bis 2017 erfolgte die zweite Renovierung der Färberei. Maschinen wurden ohnehin ständig durch neuere und bessere ersetzt. Als es die Spulerei oberhalb der Färberei noch gab, mussten wir die neuen Maschinen die Schräge hochziehen – oft zu zehnt, mit Seil und Rollen. Wir haben gemeinsam gezogen und die Rollen immer wieder von hinten nach vorne unter die schweren Maschinen gelegt …
Haben Sie weitere besondere Umbauerlebnisse?
Müller: Als man die Farbküche gebaut hat, reichte die Betonpumpe nicht komplett bis in die hintere Ecke des Gebäudes, sodass wir den Beton per Hand schaufeln mussten. Carl-Heinz Otto kam dazu, um zu helfen. Ich erinnere mich, wie er mit Sandalen mitten im Beton stand und geschaufelt hat.
Woran erinnern Sie sich besonders gerne?
Müller: Die Kameradschaft unter den Handwerkern war immer großartig. Wir waren Maurer, Maler, Schlosser und Elektriker sowie zwei Heizer, die nach dem Kessel schauten.
Walcher: Wir haben regelmäßig ein Sommerfest unter der Eiche gefeiert. Die Eiche war immer heilig. Das war ein echtes Problem, als man das Lager baute. Eigentlich sollte die Eiche weg, aber Carl-Heinz Otto wollte sie behalten. Man musste den Kran extra anders stellen, damit die Eiche stehen bleiben durfte.
Was sind Ihre Highlights?
Walcher: Ich erinnere mich sehr gerne an die Ausflüge an den Bodensee – mit Musik und Tanz.
Müller: Ich war längere Zeit krank und musste auch im Krankenhaus bleiben. Meine Frau bekam während dieser Zeit viel Unterstützung von der Firma. Sie konnte immer anrufen, wenn etwas war oder wenn sie dringend einen Fahrdienst brauchte.