Ohne Fingerspitzengefühl keine Otto-Qualität: Master-Student Tobias Kügler auf der Suche nach textilen Wahrheiten

08.05.2024

Eine Chancen- und Risikoanalyse für die deutsche Textilindustrie sowie Handlungsempfehlungen für Gebr. Otto: So lautet das Thema der Master-Arbeit von Tobias Kügler. Der 29-Jährige absolviert derzeit das letzte Semester seines Studiums der nachhaltigen Unternehmensführung an der Uni Ulm. Die vergangenen Monate hat er hauptsächlich bei uns in Dietenheim und Balzheim verbracht und für seine Master-Arbeit zahlreiche Interviews mit Kollegen, Kunden und Partnern geführt. Wir sind gespannt auf seine Analyse und die Empfehlungen, die er daraus für Gebr. Otto erstellt :-).

Wann bist Du zu Otto gekommen und wie sahen Deine letzten Monate aus?
Begonnen habe ich im November 2023. In den ersten vier Wochen lief die Einarbeitung, da war ich in beiden Otto-Werken in Balzheim und Dietenheim unterwegs. Ich lernte jeden einzelnen Prozessschritt in der Spinnerei und der Färberei kennen. Auch im Labor war ich einige Zeit; hier konnte ich aktiv mitarbeiten und zahlreiche Tests und Proben selbst durchführen. Diese Einarbeitungszeit war total wertvoll, denn ich hatte davor ja keine Berührung mit der Textilindustrie gehabt.
Seit Anfang Dezember widme ich mich nun meiner Master-Arbeit. Ende Mai muss sie fertig sein.
Du sagst, die Textilindustrie sei Neuland für Dich gewesen. Wie hast Du dann den Weg zu uns gefunden?
Das verdanke ich meinem Professor Martin Müller, der mit Andreas Merkel regelmäßig zusammenarbeitet. Ich habe mich auf seine Anregung hin beworben, mich mit Andreas Merkel zum Gespräch getroffen und dann schnell eine Zusage erhalten. Das Thema der Arbeit hat mir Otto gestellt.

Wie war Dein erster Eindruck der leibhaftigen Textilindustrie?
Einen gewissen theoretischen Hintergrund habe ich ja bereits aus meinem Studium. In der Textilindustrie ist Nachhaltigkeit ein wichtiges Thema, genauso wie das Lieferkettengesetz und etwaige Verstöße. Neu war natürlich die Praxis. Vor allem die Anzahl an einzelnen Prozessschriften hat mich beeindruckt, genauso wie das Fingerspitzengefühl, das es trotz aller maschinellen Fertigung braucht, bis am Ende die fertige Garnspule rauskommt. Damit am Ende die Qualität stimmt, kommt es auf viele, viele Kleinigkeiten an. Hilfreich war auch die Schulungswoche, die stattfand, bevor ich angefangen habe. In der Rohstoffkunde habe ich gelernt, welche Garne es überhaupt gibt.

Könntest Du Dir denn vorstellen, in der Textilindustrie zu arbeiten?
Ja, auf jeden Fall. Es ist definitiv ein schwieriger Markt, jeder Tag ist eine Herausforderung, um Qualität und Kosten in Balance zu halten. Wie aufwendig die Herstellung eines T-Shirts ist, wie weit der Weg von der Spule zu dem Teil, das wir im Laden kaufen, das hat keiner auf dem Schirm. Es ist absurd, dass man sich für wenig Geld Klamotten einfliegen lassen kann!

Über die Herausforderungen der Textilindustrie hast Du mit Menschen gesprochen, die mit viel Herzblut in diesem Bereich arbeiten. Kannst Du uns schon ein paar Ergebnisse verraten?
Gesprochen habe ich mit Kollegen aus dem Hause Otto sowie mit Partnern von Otto, beispielsweise Experten aus Textilmaschinenbau, genauso wie mit anderen Textilfärbern und Professoren für textile Studiengänge. Kunden waren auch dabei, und zwar über alle Ebenen hinweg, vom Geschäftsführer über den Einkauf, Verkauf und die Produktentwicklung. Ich hatte sogar einen Wirtschaftsprüfer und einen Bankangestellten am Telefon. Das war ein sehr gemischtes Umfeld mit verschiedenen Perspektiven.
Logischerweise bin ich mit einer gewissen Erwartungshaltung an die Gespräche rangegangen. So war mir die kontroverse Diskussion um das Lieferkettengesetz bewusst. Beeindruckt hat mich die Tatsache, dass Gebr. Otto das Gesetz ohne Verpflichtung beachtet. Schließlich konnte ich mir vorstellen, dass es für KMUs schwierig ist – was sich in meinen Gesprächen auch bestätigt hat. Die einzelnen Themenbereiche und Lieferstrukturen der Unternehmen sind so komplex, das kann man kaum abbilden. Das sehe ich auch in der Färberei bei Otto: Wie viele Richtlinien zu beachten sind beim Chemikalieneinsatz – unglaublich!
Nicht in vollem Umfang klar war mir der Fachkräftemangel und seine Konsequenzen. Firmen wie Mitarbeiter leiden gleichermaßen, wenn es nicht gelingt, Leute für die anliegenden Aufgaben zu bekommen.
Eine weitere Überraschung war für mich die Vielseitigkeit von Textilien: Ich hatte Bekleidung im Kopf, dabei sind die technischen und medizinischen Bereiche mindestens so wichtig. Überhaupt nicht bekannt war mir der Hygienebereich.

Bei welchen Fragen haben Deine Gesprächspartner am meisten über einer Antwort gebrütet?
Das waren bestimmt die Transformationsmodelle, also die Veränderung des Geschäftsmodells. Viele dachten in Richtung nachhaltige Energiegewinnung. Das ging bis zur energieautarken Produktion. Interessant fand ich die Ideen zur erweiterten Nutzung der Färberei; darunter war 3D-Druck und Produkte im Hygienebereich. Hier sind schließlich ein immenses Spezialwissen und ein entsprechender Maschinenpark vorhanden.

Stellst Du Deine Ergebnisse noch irgendwo vor?
Ja, ich werde nach Abschluss meiner Arbeit bei Otto meine Ergebnisse präsentieren; meine Gesprächspartner werden wir zu dieser Veranstaltung einladen.

Welche Highlights nimmst Du mit aus der Zeit bei Otto?
Klasse war, dass ich alle Produktionsprozesse sehen konnte, den Weg vom Rohstoff bis zur Spule begleiten durfte und verstehen lernte. Ich hatte auch immer einen Ansprechpartner. Andreas Merkel nimmt sich Zeit, man kann immer auf ihn zugehen. In diesem Ausmaß kenne ich das von meinen anderen Praxis-Stationen nicht. Überhaupt ist die kollegiale Zusammenarbeit außergewöhnlich offen und nett. Keiner hat sich zurückgezogen, wenn ich kam. Man konnte immer sprechen.

Wie sehen Deine weiteren beruflichen Pläne aus?
Meine Ausbildung öffnet mir viele Türen. Im Bereich Nachhaltigkeitsberichtserstattung gibt es Bedarf und das Gebiet interessiert mich sehr. Für welche Industrie ich mich am Ende entscheide, weiß ich noch nicht. Das hängt von der Wirtschaftslage ab.

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