Marliese Otto hat die Entwicklung der Färberei bei Gebr. Otto über viele Jahrzehnte hinweg mitgeprägt. Im Gespräch erinnert sie sich an ihren Mann Carl-Heinz Otto, an technische Innovationen, mutige Entscheidungen und an eine Zeit großer Veränderungen in der Textilindustrie. Dabei erzählt sie nicht nur von Maschinen, Farbmessung und Spinnerei, sondern vor allem von den Menschen hinter dem Unternehmen.
Wie kamen Sie zu Otto?
Ich kam über meinen Mann Carl-Heinz Otto ins Unternehmen. Sein Steckenpferd war die Farbmessung, die ich übernehmen sollte. Dafür wurde er zunächst belächelt, doch er sah in der Farbgenauigkeit die Zukunft der Färberei.
Anfangs war ich unsicher, ob ich diese Aufgabe und damit auch sein Projekt übernehmen sollte. Trotz dieser Bedenken überwogen die Liebe und das gegenseitige Vertrauen zwischen uns: Ich entschied mich dafür, gemeinsam mit ihm diesen beruflichen Weg zu gehen.
Die Entscheidung erwies sich im Nachhinein als richtig. Unsere Ehe und unsere gemeinsame Arbeit waren von gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Zusammenhalt geprägt. Wir waren 37 Jahre lang glücklich verheiratet und haben viele berufliche wie persönliche Herausforderungen gemeinsam gemeistert.
Ich blicke mit Dankbarkeit auf die vielen gemeinsamen Jahre zurück, die wir miteinander verbringen durften. Es war die richtige Entscheidung, seinem Vertrauen und unserer Liebe zu folgen.
Jedenfalls habe ich dann das Färben gelernt und im damals noch winzigen Labor begonnen, mich mit der Farbmessung zu beschäftigen. Ich färbte Sortimente aus, testete sie am Färbeapparat und verglich die Ergebnisse anschließend mit denen aus der Färberei. Natürlich funktionierte das nicht sofort.
Hat sich Ihr Mann Carl-Heinz Otto entmutigen lassen?
Nein, im Gegenteil. Nachdem wir die Ergebnisse gemeinsam mit den Meistern besprochen hatten, sollte ich mich noch tiefer in die Materie einarbeiten. Ich wollte die Flottenverhältnisse verstehen, die Wassermengen – einfach alles, was dazugehört.
Die Farbmessung war damals kein Ausbildungsberuf, deshalb mussten wir uns vieles selbst aneignen. Ich war häufig in Zürich beim Maschinenhersteller und am Institut Hohenstein auf Schulungen.
Mit den alten Färbeapparaten ließen sich die neuen Ideen allerdings nicht umsetzen, also machten wir uns auf die Suche nach moderner Technik. Den ersten Färberoboter entdeckten wir schließlich in Mailand auf einer Messe. Wir reisten wenig später zum Hersteller, färbten direkt mit der Maschine und ließen das Garn zu Testzwecken sofort verstricken. Danach war klar: Wir kaufen sie – und zwar sofort.
Können Sie uns etwas über Ihren Mann erzählen, als Unternehmer und als Mensch?
Mein Mann hatte eine unglaubliche Disziplin. Er war morgens immer schon um sechs Uhr unterwegs und zu Schichtbeginn in Balzheim. Danach fuhr er weiter nach Dietenheim. Er kannte die Namen der allermeisten Kolleginnen und Kollegen. Und jeden Morgen um neun Uhr ging bei mir im Labor die Tür auf – und er kam herein, um guten Morgen zu sagen.
Nachmittags war er meist ein zweites Mal in Balzheim. Er hörte allein am Geräusch, ob die Maschinen richtig liefen.
Man konnte ihm kein X für ein U vormachen – auch nicht beim Baumwolleinkauf. Baumwolle kauft man ein Jahr im Voraus, obwohl man noch gar nicht weiß, wie das Wetter wird: wie viel Regen fällt, wie viel Sonne es gibt. Nicht einmal, ob man besser in Euro oder Dollar einkaufen sollte.
Er wollte den Betrieb ständig verbessern und technisch auf dem neuesten Stand halten. Wenn Geld verdient wurde, investierte er es direkt wieder in neue Maschinen. Dadurch verbesserte sich auch die Qualität der Produkte, etwa die Gleichmäßigkeit der Garne. Außerdem begann er schon früh, Farbstoffe nach nachhaltigen Gesichtspunkten auszuwählen.
Können Sie noch etwas über ihn persönlich sagen?
Mein Mann war einiges älter als ich, deshalb wollten wir uns ab 2012 langsam aus dem Unternehmen zurückziehen. Leider bekam er bereits mit 50 Herzprobleme, die vermutlich noch aus seiner Kindheit stammten. Am Ende war er so geschwächt, dass er 2018 an einer Lungenentzündung verstorben ist.
Wichtig war ihm immer, dass sich die Menschen hier wohlfühlen und dem Unternehmen lange verbunden bleiben. Jubiläen von 25 oder 40 Jahren haben ihm große Freude bereitet – besonders, wenn mehrere Mitglieder einer Familie bei Otto gearbeitet haben.
Menschen, die Einsatz und Willen zeigten, gab er eine Chance. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der in der Schule große Schwierigkeiten hatte. Seine Arbeit hier bei Otto hat er jedoch geliebt. Er hat sich wunderbar entwickelt und ist in seiner Arbeit aufgegangen.
Wenn Kündigungen ausgesprochen werden mussten, hat ihn das sehr belastet. Das war etwa um die Jahrtausendwende, nachdem wir die Spinnerei I geschlossen hatten. Der Arbeitsplatzabbau – auch wenn er nach Sozialplan erfolgte – sorgte bei den Betroffenen natürlich für Frust. Das hat meinen Mann fast krank gemacht.
Wenn er nach Hause kam, konnte ich oft schon an seinem Gang erkennen, wie sein Tag bisher verlaufen war und ob ihn etwas bedrückte.
Haben Sie nach seinem Tod im Unternehmen weitergearbeitet?
Ja, bis 2025 habe ich weitergearbeitet. Eigentlich wollte ich früher aufhören, aber die jungen Nachwuchskräfte brauchten eine Rückendeckung, weil sie freitags immer nach Reutlingen in die Schule fuhren.
An welche Meilensteine erinnern Sie sich? Die Eröffnung der Spinnerei?
Die Eröffnung der Spinnerei I war noch vor meiner Zeit, die Einweihung der Spinnerei II habe ich jedoch selbst miterlebt. Das war definitiv ein Meilenstein. In der Textilindustrie herrschte damals große Unsicherheit, und niemand wusste, ob eine so große Investition wirklich der richtige Schritt war.
Ein großer Gewinn war der Architekt, mit dem mein Mann die Spinnerei gebaut hat. Für ihn war klar: Man muss „nach der Nummer bauen“ – also nach dem Garn, das später produziert werden soll. Danach richtete sich alles: die Maschinen, das Vorwerk, die gesamte Planung.
Mein Mann ist in diesem Bauprojekt regelrecht aufgegangen. Als die Spinnerei schließlich lief, war das für ihn eine große Freude. Besonders erinnere ich mich an den Tag der offenen Tür zur Einweihung. Aus einer Besuchergruppe hörte ich damals den Satz: „Schau mal, was für ein sauberer Betrieb – und wie viele junge Menschen hier arbeiten!“ Gerade weil uns die Entscheidung für den Bau nicht leichtgefallen war, machte uns das sehr stolz.
Mutig und mit einem klaren Ziel vor Augen ging er später auch andere Projekte an, etwa die Renovierung der Färberei. Der damalige Architekt sagte oft: „Das geht nicht.“ Mein Mann sprach daraufhin mit seinen Meistern, wechselte schließlich den Architekten – und die Färberei wurde zu dem Gebäude, das wir heute kennen.
Ich denke, diese klaren Ziele und die Gabe, sich nicht entmutigen zu lassen, das habe ich von meinem Mann gelernt – und davon hat auch das Unternehmen enorm profitiert.